Warum schließen sich Menschen Laufgruppen an? Die neue Run-Club-Kultur
Laufen galt lange als ziemlich einsamer Sport: Kopfhörer auf, Uhr starten, ein paar Kilometer drehen und wieder nach Hause. Gehen wir noch etwas weiter zurück, gab es nicht einmal Smartwatches. Aber gut, heute geht es nicht um die technische Evolution des Laufens. Unser Thema ist ein anderes Bild, das man vor allem in Großstädten immer häufiger sieht: Nach Feierabend oder am Wochenende am frühen Morgen treffen sich Dutzende Menschen an einem vereinbarten Ort, laufen zusammen und sitzen danach bei einem Kaffee zum Plaudern. Einige bereiten sich ernsthaft auf Wettkämpfe vor, andere arbeiten auf ihre ersten 5 Kilometer hin. Und manche kommen, ganz ehrlich, eher wegen der neuen Bekanntschaften als wegen des Laufens. Diese Laufgruppen, oft Run Clubs genannt, sind längst mehr als Orte für gemeinsames Training. Für viele gehören sie inzwischen zum sozialen Leben.
Das zeigt sich auch in den Zahlen. Laut Stravas Daten für 2024 stieg die Teilnahme an Laufclubs weltweit um 59 %. In derselben Untersuchung sagten 58 % der Menschen, die sich Fitnessgruppen angeschlossen hatten, dass sie dort neue Freundschaften geschlossen hätten. 2025 stieg die Zahl der Laufclubs auf Strava auf das 3,5-Fache. Was bringt also jede Woche so viele Menschen an denselben Treffpunkt? Wirklich nur das Laufen? Oder erfüllt es inzwischen noch ein anderes Bedürfnis? Schauen wir uns diese neue Run-Club-Kultur etwas genauer an.
Warum wächst die Run-Club-Kultur so schnell?
Laufclubs sind keine Erfindung der letzten Jahre. Leichtathletikvereine, Trainingsgruppen für Wettkämpfe und Lauftreffs im Viertel gab es schon vorher. Verändert hat sich vor allem, warum Menschen dort mitmachen. Früher stand dabei meist das Training im Mittelpunkt: schneller werden, sich auf ein Rennen vorbereiten, Intervalle laufen oder die eigene Bestzeit verbessern. Das gibt es nach wie vor. Dazu kommen heute aber weitere Gründe:
- Freundschaften schließen,
- die Stadt auf eine andere Art entdecken,
- einen festen Termin in der Woche haben,
- Teil einer Gemeinschaft sein,
- neue Menschen kennenlernen.
In Stravas Untersuchung von 2024 nannten 48 % der Befragten soziale Kontakte als einen der wichtigsten Gründe, sich einer Fitnessgruppe anzuschließen. Bei der Generation Z lag dieser Anteil bei 55 %. Viele gehen also längst nicht mehr nur zur Laufgruppe, um schneller zu werden. Laufen wird auch zum Anlass, sich mit anderen zu treffen.
Vom Alleinlaufen zum gemeinsamen Laufen
Einer der größten Vorteile des Laufens ist, dass du niemanden dafür brauchst. Schuhe an und raus vor die Tür. Du musst keinem Team beitreten, keinen Platz mieten und keinen Trainingspartner finden. Für manche wird genau das allerdings zur größten Hürde. Gerade am Anfang können 30–40 Minuten allein irgendwann langweilig werden. Und wenn die Motivation fehlt, lässt sich der geplante Lauf ziemlich leicht streichen.
Ein Run Club verändert hier etwas Kleines, aber Wichtiges. Normalerweise steht in deinem Kalender: „Ich müsste heute laufen.“ Mit einer Laufgruppe wird daraus: „Dienstagabend ist Lauftreff.“ Klingt ähnlich, ist es aber nicht. Im ersten Fall lässt du nur dein eigenes Training ausfallen. Im zweiten sagst du einen gemeinsamen Plan mit Menschen ab, die du kennst. Schon dieses Gefühl der Verbindlichkeit kann dazu beitragen, regelmäßiger in Bewegung zu kommen. Laut Stravas Daten für 2024 dauerten Lauf-, Radfahr- und Gehaktivitäten in Gruppen mit mehr als zehn Personen im Durchschnitt 40 % länger als allein absolvierte Aktivitäten.
Warum ist „All Paces Welcome“ so wichtig?
Ein Satz begegnet dir bei neueren Laufclubs besonders häufig: „All Paces Welcome“, also etwa „Jedes Tempo ist willkommen“. Wer schon länger läuft, hört darin vielleicht nur einen gewöhnlichen Slogan. Für jemanden, der gerade anfängt und zum ersten Mal zu einer Laufgruppe gehen möchte, kann er aber viel bedeuten. Denn viele denken:
- „Was, wenn alle schneller sind als ich?“
- „Was, wenn ich zurückfalle?“
- „Was, wenn die ganze Gruppe auf mich warten muss?“
Diese Sorgen sollte man nicht kleinreden. Wenn sich Laufcontent in sozialen Medien vor allem um schnelle Tempi, Wettkampfzeiten und teure Ausrüstung dreht, kann man als Anfänger leicht das Gefühl bekommen, nicht dazuzugehören.
Ein guter Run Club senkt diese Einstiegshürde. Es kann mehrere Tempogruppen geben, sodass Anfänger und erfahrene Läufer im selben Club, am selben Tag und sogar auf derselben Strecke unterwegs sind. Ein Detail ist dabei entscheidend: „All Paces Welcome“ in die Instagram-Bio zu schreiben reicht nicht. Langsamere Läufer dürfen tatsächlich nicht allein zurückbleiben. Wichtig sind erfahrene Personen, die diese Gruppen begleiten und Strecke sowie Tempo im Blick behalten.
Warum kann ein Run Club Anfängern helfen?
Bei vielen Laufanfängern fehlt es zunächst weniger an Motivation als an Wissen:
- Wie viele Kilometer sollte ich laufen?
- Kann man jeden Tag laufen?
- Wie schnell sollte ich unterwegs sein?
- Wann ist der richtige Zeitpunkt für den ersten Wettkampf?
- Welche Schuhe sollte ich kaufen?
Natürlich kannst du dir die Antworten selbst zusammensuchen. Wenn du Zeit mit Menschen verbringst, die regelmäßig laufen, lernst du manches aber ganz nebenbei. Das heißt nicht, dass du alles glauben solltest, was du in einer Laufgruppe hörst. Nicht jeder Läufer ist auch Trainer. Aber jemand zeigt dir eine Strecke, die du noch nicht kennst. Eine andere Person empfiehlt einen Wettkampf. Und jemand merkt, dass du zu schnell losgelaufen bist, und rät dir, etwas Tempo herauszunehmen. Vielleicht hattest du nie einen Wettkampf im Kopf und meldest dich durch die Menschen um dich herum doch für deine ersten 5 oder 10 Kilometer an. Rund ums Laufen entsteht ein kleines, ziemlich nützliches Wissensnetzwerk.
Das Laufen bringt dich hin, die Gemeinschaft lässt dich bleiben
Vielleicht gehst du zum ersten Mal zu einer Laufgruppe, weil du einen Instagram-Beitrag gesehen hast. Menschen laufen zusammen, haben Spaß, hören Musik und unternehmen etwas. Dass dich das anspricht, ist ganz normal. Wenn du drei Monate später aber immer noch regelmäßig hingehst, steckt meist mehr dahinter als bloße Neugier.

Du siehst jede Woche dieselben Gesichter und bemerkst irgendwann sogar, wenn jemand fehlt. Ihr meldet euch gemeinsam zu Wettkämpfen an, das Café für danach steht längst fest, und ihr sprecht schon über das nächste Treffen. Irgendwann gehört der Lauf zu deiner wöchentlichen sozialen Routine. Deshalb greift es etwas zu kurz, die Run-Club-Kultur nur als Fitnesstrend zu betrachten. Was da wächst, ist mindestens genauso sehr die Gewohnheit, Sport in einer Gemeinschaft zu treiben. Laut Stravas Bericht für 2025 stieg die Zahl der neuen Clubs auf der Plattform auf fast das Vierfache, während die Gesamtzahl der Clubs eine Million erreichte. Bei den Laufclubs wurde ein Wachstum auf das 3,5-Fache gemessen.
Sind Laufclubs die neuen sozialen Treffpunkte?
Seien wir ehrlich: Wenn du heute in einer Großstadt lebst, ist es nicht unbedingt leicht, neue Menschen kennenzulernen. Verkehr, Arbeit und Alltag beanspruchen einen großen Teil deiner Zeit. Oft besteht auch ein erheblicher Teil deines Umfelds aus Kollegen. Und selbst wenn ihr privat etwas unternehmt, landet das Gespräch irgendwann wieder bei der Arbeit. Daran ist nichts falsch. Nur ist ein Treffen zum Abschalten, bei dem es wieder um den Job geht, vielleicht nicht das, wonach jeder sucht.
Ein Run Club schafft dafür einen ziemlich unkomplizierten Rahmen: Treffpunkt klar, Uhrzeit klar, gemeinsames Hobby vorhanden. Du musst dir nicht einmal ein Gesprächsthema überlegen. Aus „Wie viele Kilometer hat die Strecke?“ kann ein paar Wochen später eine Freundschaft werden. Und weil immer wieder andere Menschen mitlaufen, bleibt dein Umfeld nicht auf eine Handvoll Personen beschränkt. Damit meinen wir natürlich nicht, dass du hingehen und anderen aufdringlich den Hof machen sollst. Es geht um Gespräche, die sich von selbst ergeben. Laufen bietet dafür einen angenehm lockeren Rahmen.
Und wie ist der Kaffee ins Spiel gekommen?
Wenn du dir Bilder von Run Clubs genauer anschaust, fällt dir eine wiederkehrende Kombination auf:
- Laufschuhe,
- GPS-Uhren,
- verschwitzte T-Shirts,
- und jede Menge Kaffee.
Bei vielen Gruppen beginnt der gesellige Teil nämlich erst nach dem Lauf. Unterwegs kannst du dich nicht mit allen ausführlich unterhalten. Es gibt unterschiedliche Tempi, der Atem geht schneller, und irgendwann zieht sich die Gruppe auseinander. Am Ziel kommen alle wieder zusammen. Das Café ist deshalb in vielen Laufgruppen längst mehr als ein Ort, an dem man einen Kaffee kauft. Es ist der zweite Teil des Treffens. Natürlich musst du nach dem Laufen keinen Kaffee trinken. Du kannst auch einfach laufen und danach deinen Alltag fortsetzen. Für alle, die den sozialen Teil mögen, ist die Formel manchmal tatsächlich so einfach: 5 Kilometer laufen, Kaffee trinken, plaudern. Das ist einer der Unterschiede zwischen der neuen Run-Club-Kultur und älteren, rein leistungsorientierten Laufgruppen: Mit dem letzten Kilometer ist das Treffen noch nicht unbedingt vorbei.
Warum interessieren sich Marken so sehr für Run Clubs?
Eine größere Laufgemeinschaft bleibt Marken selten lange verborgen. Warum, ist leicht zu verstehen. Stell dir klassische Werbung einer Laufschuhmarke vor: Du siehst ein Foto des neuen Modells, es gibt eine Pressevorstellung, und irgendwann erscheint eine Anzeige. Jetzt stell dir eine andere Situation vor: Die Marke organisiert einen Lauf für 40 Personen. Die Leute kommen, laufen zusammen und machen Fotos. Selbst wenn keine kostenlosen Schuhe verteilt werden, teilen viele Teilnehmer das Erlebnis auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen. Die Marke nutzt diese Beiträge wiederum selbst. Das Produkt ist damit nicht mehr nur Werbung, sondern Teil eines Erlebnisses.
Deshalb arbeiten viele Unternehmen, von Schuhmarken bis zu Sportgeschäften, mit Laufgemeinschaften zusammen oder gründen eigene Gruppen. Doch auch das hat Grenzen. Wenn jeder Lauf zur Produktvorstellung und jedes Treffen zur Marketingaktion wird, kann das Gemeinschaftsgefühl schnell leiden. Die Menschen kommen zum Laufen und Kennenlernen, nicht für eine Werbeveranstaltung. Für mich liegt genau hier der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Markenkooperation: Sie funktioniert, wenn die Marke der Gemeinschaft wirklich etwas bietet. Wenn sie die Gruppe zur Werbefläche macht, funktioniert sie nicht.
Ist der Run Club wirklich die neue Dating-App?
Ein Satz ist in sozialen Medien derzeit besonders beliebt: „Lösch die Dating-App und geh zum Run Club.“ Da steckt etwas Humor drin und auch etwas Übertreibung. Ganz aus der Luft gegriffen ist es aber nicht. In Stravas Untersuchung von 2024 sagte ungefähr ein Fünftel der Befragten aus der Generation Z, schon einmal ein Date mit jemandem gehabt zu haben, den sie beim Sport kennengelernt hatten. Dieselbe Untersuchung zeigte, dass diese Gruppe Menschen lieber beim Sport als in einer Bar kennenlernte. Auch die Untersuchung von 2025 deutet darauf hin, dass junge Nutzer das Fitnessumfeld nutzen, um Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen.
Die Logik dahinter ist ziemlich einfach. In einer Dating-App siehst du zunächst ein Profil, dann schreibt ihr miteinander und trefft euch irgendwann. Im Run Club erlebst du den Menschen direkt in einer natürlichen Situation. Ihr habt bereits ein gemeinsames Interesse und begegnet euch möglicherweise über mehrere Wochen immer wieder. Ein „Match“ braucht es dafür nicht. Trotzdem wäre es falsch, Laufclubs als organisierte Dating-Veranstaltungen zu betrachten. Die meisten sind weiterhin dort, um zu laufen, Freundschaften zu schließen oder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Flirten kann sich daraus ergeben. Der Hauptzweck ist es nicht.
Die Run-Club-Kultur hat auch ihre schwierigen Seiten
Jeder Trend verändert sich ein Stück weit, wenn er wächst. Bei Run Clubs kann das genauso sein. In einer Gruppe mit 15 Personen kennt man sich schnell. Bei 150 sieht es anders aus. Tempogruppen müssen organisiert werden, Sicherheit wird wichtiger, und es stellt sich die Frage, ob die Strecke überhaupt für so viele Menschen geeignet ist. Auch der rücksichtsvolle Umgang mit Fußgängern und anderen Läufern gewinnt an Bedeutung.
Dazu kommt die soziale Seite. Was als offene Gemeinschaft beginnt, kann mit der Zeit zu einem geschlossenen Freundeskreis werden. Neue Mitglieder fühlen sich dann womöglich außen vor. Und obwohl auf dem Papier „All Paces Welcome“ steht, passt die Gruppe in Wirklichkeit vielleicht nur zu schnellen Läufern. Das Wachstum der Run-Club-Kultur ist also nicht automatisch rundum positiv. Gut organisiert macht sie das Laufen zugänglicher, geselliger und unterhaltsamer. Schlecht organisiert wird daraus einfach eine sehr große Laufgruppe. Den Unterschied macht auch die Kultur, die innerhalb der Gruppe gelebt wird.
Wie entwickelt sich die Run-Club-Kultur in der Türkei?
Laufgruppen sind in der Türkei und besonders in Istanbul nichts Neues. Gemeinschaften, die regelmäßig zusammen laufen, gibt es schon lange. Verändert hat sich in den letzten Jahren vor allem, wie sie sich präsentieren. Neben dem klassischen Lauftreff begegnen uns inzwischen Begriffe wie Run Club, Social Run, Community Run und Shakeout Run. Gleichzeitig werden neben leistungsorientierten Gruppen auch geselligere Formate sichtbarer. Manche laufen morgens und trinken danach Kaffee. Andere bereiten sich gemeinsam auf Rennen vor. Einige entstehen rund um Marken oder Laufgeschäfte. Bei anderen bleibt das Miteinander eher im Hintergrund, und das Training steht klar im Mittelpunkt.
Wichtig ist, nicht alle Run Clubs über einen Kamm zu scheren. Wenn du mitmachen möchtest, schau nicht nur darauf, ob der Treffpunkt in deiner Nähe liegt:
- Welche Tempi werden angeboten?
- Ist die Gruppe für Anfänger geeignet?
- Gibt es nach dem Lauf gemeinsame Aktivitäten?
- Steht die Leistung oder das Miteinander im Vordergrund?
- Wenn die Gruppe „jedes Tempo“ verspricht: Wird das auch umgesetzt?
Das sind die wichtigeren Fragen. Der passende Laufclub muss weder der bekannteste noch der schnellste deiner Stadt sein. Manchmal ist die richtige Gruppe einfach die, zu der du nächste Woche wieder hingehen möchtest.
Ist die Run-Club-Kultur nur eine vorübergehende Mode?
Wie Run Clubs in sozialen Medien aussehen, kann sich natürlich verändern. Heute sind Kaffee, Laufen, Oversize-Shirts und Gruppenfotos beliebt. In ein paar Jahren steht vielleicht eine andere Ästhetik im Vordergrund, und Marken interessieren sich stärker für eine andere Sportart. Entscheidend ist hier aber nicht der Look. Der Wunsch, beim gemeinsamen Sport neue Menschen kennenzulernen, ist kein neues Bedürfnis. Dass die Teilnahme an Laufclubs 2024 um 59 % stieg und die Zahl der Laufclubs auf Strava 2025 auf das 3,5-Fache anwuchs, spricht dafür, dass mehr dahintersteckt als ein paar virale Videos. Außerdem hat Laufen einen wichtigen Vorteil: Es braucht nicht besonders viel, um Menschen zusammenzubringen.
- Einen Treffpunkt.
- Eine Strecke.
- Ein Paar Laufschuhe.
Der Rest kann mit der Zeit entstehen. Laufen galt viele Jahre als Sport, bei dem man für sich sein kann. Die Run-Club-Kultur nimmt dir diese Möglichkeit nicht. Sie ergänzt sie um eine weitere. Du kannst allein laufen oder mit einer Gruppe. Du kannst trainieren und nach Hause gehen oder danach noch eine Stunde bei Kaffee und Gesprächen bleiben. Vielleicht wächst die Run-Club-Kultur genau deshalb so schnell: Sie hat das Laufen nicht verändert. Sie hat ihm ein weiteres Stück Leben drumherum gegeben.